Erinnerung

>> Bemühen um Deeskalation - Vor 60 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut

 

Mit dem Bau der Berliner Mauer waren die Kommunikations- und Informationswege zwischen den beiden deutschen Teilstaaten weitgehend abgeschnitten. Dies hatte für die Bevölkerung der DDR nicht allein praktische, sondern auch psychische Auswirkungen. Es entstand das Gefühl des Eingesperrtseins, des Ausgeliefertseins gegenüber dem - nach dem Mauerbau vorübergehend zunehmenden - politischen Druck sowie die Überzeugung, dass das ostdeutsche Provisorium von Dauer und man sich im Osten selbst überlassen sein würde. Als eine Folge dieser Bewusstseinslage registrierten Kirchenvertreter in den ersten Wochen nach dem 13. August 1961 in der DDR eine vorübergehende Zunahme von Kirchlichkeit. Sowohl die Besuche von Gottesdiensten und übergemeindlichen Veranstaltungen als auch die Anmeldungen zur Konfirmation und die seelsorgerliche Inanspruchnahme der Pfarrer stiegen sichtbar an. Auch die Studentengemeinden in der DDR verzeichneten einen erhöhten Zulauf.
Die evangelische Kirche versuchte in der Zeit unmittelbar nach dem Mauerbau vor allem deeskalierend auf die aufgebrachte Berliner Bevölkerung einzuwirken. Kurt Scharf und Otto Dibelius bemühten sich am 14. August, mit einem seelsorgerlich gehaltenen Aufruf die angespannte Stimmung zu beruhigen. In dem von den Kanzeln des Kirchengebietes Berlin-Brandenburg verlesenen Hirtenbrief unterließen sie es, die politischen Ereignisse zu analysieren oder zu bewerten. Stattdessen riefen sie zu Besonnenheit und Einheit im Glauben auf: „Im Namen Jesu Christi soll verbunden bleiben, was er zusammengefügt hat. Wir bleiben Brüder, auch wenn man es uns schwer macht, beieinander zu sein. Laßt uns reicher werden an Liebe und erfinderisch an Mitteln und Wegen, einander diese Liebe zu zeigen!“. Drei Tage später unterzeichnete Scharf ein Telegramm an den Staatsratsvorsitzenden und den Ost-Berliner Oberbürgermeister. Auch darin unterblieb Kritik an der politischen Situation. Man konzentrierte sich auf die humanitären Auswirkungen des Mauerbaus und bat zur Beruhigung der Bevölkerung um die „großzügige Gewährung von Passierscheinen, Reisebescheinigungen und Aufenthaltsgenehmigungen“. Wegen dieses Telegramms wurden Scharf sowie die drei weiteren Unterzeichner – der Vorsitzende der Kirchlichen Ostkonferenz Krummacher, der Berliner Generalsuperintendent Führ und der Präses der Synode von Berlin-Brandenburg Fritz Figur – von Staatsvertretern in persönlichen Gesprächen scharf gerügt. Doch nur Scharf hatte noch sehr viel weitreichendere Konsequenzen zu tragen. Auf Weisung des Politbüros wurde ihm am 31. August die Rückreise zu seinem Dienstsitz in Ost-Berlin verweigert und der DDR-Personalausweis abgenommen.
 


>> Vor dreißig Jahren, am 27. Juni 1991, wurden aus 16 Mitgliedskirchen 24 Mitgliedskirchen der EKD

 

Claudia Lepp

Von der „besonderen Gemeinschaft“ zur gesamtdeutschen Kirche. Wie die ost- und westdeutschen Kirchen 1990/91 zusammenfanden

 

Im Jahr 1990 standen die deutschen Protestanten nach 1948, dem offiziellen Gründungsjahr der Evangelischen Kirche in Deutschland, und 1969, als sich der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR formierte, ein weiteres Mal vor der Frage nach dem Verhältnis von Staats- und Kirchengrenzen.

Die meisten der kirchlichen Stimmen in Ost und West äußerten sich im November und Dezember 1989 zurückhaltend und abwartend zu der Möglichkeit einer deutschen Vereinigung. Einige ostdeutsche Kirchenvertreter unterzeichneten den Appell „Für unser Land“ vom 26. November, der klar für eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik plädierte. In einer Presseerklärung rief der Bund am 7. Dezember zu Dankbarkeit über die „neuen guten Möglichkeiten der Gemeinsamkeit“ auf und warnte zugleich vor „nationaler Euphorie“. Die Mitte Januar 1990 in Loccum versammelten Vertreter von Bund und EKD, die auf einer bereits länger geplanten Klausurtagung über die seit 1969 gepflegte „besondere Gemeinschaft“ der evangelischen Christen in Deutschland reflektierten, wollten jedoch beides überwunden sehen: die kirchliche wie die staatliche Trennung. Das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der Deutschen, das man in der Zeit der Teilung gepflegt habe, sei für die Kirchen eine wichtige Grundlage ihres gemeinsamen Wirkens, so erklärten die Kirchenvertreter. Die Vereinigung beider Kirchen solle „zügig“ vorangehen; gegebenenfalls solle es bereits eine gemeinsame Kirche bei noch fortdauernder staatlicher Trennung geben. „Mit den während der Zeit der Trennung gewachsenen Erfahrungen und Unterschieden“, hieß es, „wollen wir sorgsam umgehen.“

Waren mit dieser einstimmig verabschiedeten Erklärung die Weichen Richtung Einheit gestellt? Noch am 23. November hatte der EKD-Ratsvorsitzende und West-Berliner Bischof Martin Kruse betont, die evangelischen Kirchen in der Bundesrepublik und der DDR könnten nach Öffnung der Grenzen ihre „Nähe und Eigenverantwortlichkeit in eine neue Beziehung zueinander“ bringen; dafür seien jedoch „keinerlei Vereinigungskonzeptionen erforderlich“. Nun hatte Kruse zusammen mit dem Vorsitzenden der Konferenz der Kirchenleitungen in der DDR Werner Leich die Loccumer Klausurtagung geleitet. Für ihr doppeltes Einheitspostulat zwei Monate nach der Maueröffnung erfuhr die für viele überraschende „Loccumer Erklärung“  viel Zustimmung. Sie stieß aber ebenso auf manche skeptische Zurückhaltung etwa auf Seiten der Bundessynode; man wolle sich Zeit lassen, hieß es in deren Entschließung. Und auch an scharfer Kritik fehlte es nicht, sowohl hinsichtlich des Ziels einer Wiedervereinigung als auch der als undemokratisch attackierten Verfahrensweise. In der „Berliner Erklärung“  plädierten am 9. Februar prominente Protestanten aus Ost und West dafür, dass sich die über die Ost-West-Spaltung hinwegreichende „besondere Gemeinschaft“ der evangelischen Kirchen im stellvertretenden Aushalten der noch bestehenden Trennungen um des Zusammenwachsens Europas in Frieden und Gerechtigkeit willen bewähren solle. Die Theologen sprachen sich auch gegen eine schnelle politische und wirtschaftliche Vereinigung Deutschlands aus. Wieder einmal wurden innerprotestantische Gegensätze mobilisiert, die sich nicht mit der Ost-West-Teilung deckten. Auf den gesellschaftlichen Diskurs konnten sie jedoch keinen bestimmenden Einfluss mehr nehmen.

Durch den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes gemäß Artikel 23 GG kam es zur deutschen Wiedervereinigung in einem demokratisch legitimierten nationalen Staat, auch wenn sie einigen Protestanten zu schnell erfolgte. Sachlich motivierte Bedenken oder antinationale Vorbehalte erwiesen sich als unzeitgemäß in einer Phase des völligen Umbruchs, des Drängens der ostdeutschen Bevölkerung nach rascher Einheit und der im Hinblick auf internationale Rahmenbedingungen schnell erforderlichen Grundentscheidungen. Indes hielten die kritischen Anfragen einiger ostdeutscher Kirchenrepräsentanten an die liberale Demokratie westeuropäischer Prägung und der mit ihr verbundenen Wirtschaftsform und Lebensformen über den 3. Oktober 1990 hinaus an.

Im Herbst 1990 wurde faktisch die Herstellung der kirchlichen Einheit von der staatlichen Wiedervereinigung überholt. Ende Mai 1990 hatte eine Gemeinsame Kommission von EKD und BEK, deren Einrichtung schon in der Loccumer Erklärung empfohlen worden war, ihre Arbeit aufgenommen. Sie sollte gemeinsame Aufgaben benennen und Vorschläge für weitere Schritte der Zusammenführung formulieren. Als Abschlusstermin für den Vereinigungsprozess nannte sie das Jahr 1993. Man wollte sich ausreichend Zeit lassen.

In den Folgemonaten gab es intensive innerkirchliche Diskussionen, in denen die Sorgen und Ängste der ostdeutschen Kirchen vor westlicher Vereinnahmung und Verlust von gewachsener Identität eine wichtige Rolle spielten. Strittige Themen waren vor allem die Wiedereinführung des Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und des staatlichen Kirchensteuereinzugs, die Übernahme des Militärseelsorgevertrags sowie grundsätzlich die Rolle der Kirche in Staat und Gesellschaft. Während der Religionsunterricht und der staatlichen Kirchensteuereinzug von den östlichen Landeskirchen schließlich übernommen wurden, führte die Neuregelung der Militärseelsorge zu heftigen Auseinandersetzungen. Ostdeutsche Kirchenvertreter hielten den Umstand, dass Militärgeistliche Staatsbeamte waren, für inakzeptabel. Daher wurde in Verhandlungen mit dem Staat eine Übergangslösung für die Soldatenseelsorge in den neuen Bundesländern gefunden, die bis Ende 2003 galt. Seit Anfang 2004 ist der Militärseelsorgevertrag auch in den neuen Bundesländern in Kraft.

Dem Wunsch nach einer neuen gemeinsamen Kirchenverfassung oder zumindest größeren Verfassungsänderungen, wie ihn vornehmlich ostdeutsche Kirchenvertreter äußerten, hielten EKD-Repräsentanten im Jahr 1990 die Bedenken entgegen, dass in diesem Fall sämtliche ost- und auch westdeutschen Gliedkirchen einzeln darüber abstimmen müssten. Nach der gescheiterten EKD-Reform von 1976 wollte man im Westen eine neue Grundordnungsdiskussion vermeiden. Dieser Weg schien zu unsicher und würde auf jeden Fall lange dauern. Die vielfältigen Aufgaben, welche sich aus der am 3. Oktober 1990 vollzogenen staatlichen Einheit für die evangelischen Kirchen ergaben, legten es aber nahe, möglichst bald zu einer handlungsfähigen einheitlichen Institution zu kommen. Hinzu kam die schwierige Finanz- und Personalsituation der ostdeutschen Kirchen.

Ende August 1990 empfahl dann die ostdeutsche Konferenz der Kirchenleitungen eine „zügige Herstellung der Mitgliedschaft der Gliedkirchen des Bundes in der EKD.“ Am 12. September gab die Gemeinsame Kommission die Empfehlung, dass beide Synoden auf einer gemeinsamen Tagung im Mai 1991 alle für die kirchliche Einheit erforderlichen Entscheidungen treffen sollten. Zwei Tage später sprach sich der bereits im Juni gebildete Gemeinsame Leitungsausschuss von EKD und BEK dafür aus, dass die Einheit der beiden deutschen Kirchen im Laufe des Jahres 1991 dergestalt zustande kommen sollte, dass die ostdeutschen Gliedkirchen Mitglieder der EKD würden. Die Bundessynode stimmte im September trotz kritischer Stimmen dem Vereinigungsplan zu.  Auf der EKD-Synode im November in Travemünde wurde dann unter Einbeziehung ostdeutscher Kirchenvertreter noch einmal sehr kontrovers über den Weg zur Kirchenvereinigung diskutiert. Nach dem Willen der Gemeinsamen Kommission sollten beide Synoden erst im Mai 1991 die Einheit beschließen und im November die neugewählte gesamtdeutsche EKD-Synode zusammentreten. Dagegen wollte der Rechtsausschuss der Synode einen schnellen Beitritt der acht östlichen Landeskirchen, deren Mitgliedschaft in der EKD nach Ansicht der Juristen seit der erzwungenen Trennung 1969 ledig geruht habe und nun durch deren Erklärung reaktiviert werden könne. Somit sei eine schnelle Vereinigung der Kirchen in der Rechtskontinuität zur bestehenden Verfassungslage möglich. Vor allem Vertreter des ostdeutschen Kirchenbundes aber wollten den Kirchenzusammenschluss mit inhaltlichen Fragen verbinden, damit ihre besonderen Erfahrungen in einer neuen EKD Berücksichtigung fänden. Schließlich wurde ein Kompromiss für den Kirchenzusammenschluss gefunden: Der Synodenbeschluss berücksichtigte die Wünsche des Kirchenbundes nach einer engeren Form der Kirchengemeinschaft. So sollte die Grundordnung geändert und die EKD künftig nicht mehr nur ein lockerer „Bund“ von Kirchen, sondern eine „Gemeinschaft“ sein. Durch die Einberufung von insgesamt drei Synodaltagungen 1991 wurde die Forderung nach einer stärkeren Beteiligung der Synode am Prozess der Vereinigung berücksichtigt.

Juristisch vorbereitet wurde die Wiedervereinigung der östlichen und der westlichen Gliedkirchen der EKD mit der Verabschiedung von zwei Kirchengesetzen, welche Fragen im Zusammenhang mit der Herstellung der Kircheneinheit regelten, durch die beiden Synoden von BEK und EKD. Sie tagten in Berlin am 22. und 23. Februar 1991 zunächst parallel in Spandau und Weißensee, dann am 24. Februar gemeinsam in Spandau, stimmten dort aber getrennt ab. Mit diesem Vorgehen sollte der Partnerschaft beim Vollzug der Vereinigung Ausdruck gegeben werden. Dennoch war die Stimmung auf der Bundessynode in Berlin-Weißensee von massiver Kritik an Tempo und Verlauf des Vereinigungsprozesses geprägt; es wurde von „Anschluss“ gesprochen. Schon kurz vor der Synode hatte Präses Rosemarie Cynkiewicz erklärt, bei den Verhandlungen über die Vereinigung hätte bei den westlichen Kirchen zu keiner Zeit Interesse an einer Reform bestanden. Der Präses der EKD-Synode Jürgen Schmude versicherte, die organisatorische Einheit verbessere für die ostdeutschen Kirchen die Möglichkeiten, ihre Erfahrungen einzubringen.

Im Laufe der Monate März und April gaben die Landessynoden der östlichen Gliedkirchen ihre Zustimmung zu dem Vereinigungsgesetz, das am 27. Juni 1991 und damit 17 Monate nach der Loccumer Erklärung schließlich in Kraft trat. Bei der anschließenden EKD-Synode in Coburg wurde die kirchliche Vereinigung der acht ostdeutschen mit den 16 westdeutschen Landeskirchen in der EKD bewusst nicht sonderlich zelebriert. Zwischen den 120 westdeutschen und 40 ostdeutschen Synodalen sei kein „Graben“ zu spüren gewesen, so lautete die optimistische Bilanz des alten und neuen Präses Jürgen Schmude über die Beratungen der neuen gesamtdeutschen Synode.

Dass äußere aber noch nicht innere Einheit bedeutete, ja nach Jahren der Trennung nicht bedeuten konnte, zeigte sich während des institutionellen Vereinigungsprozesses, aber auch noch danach. Zusätzlich belastet wurde die innerkirchliche Vereinigung und gesamtkirchliche Selbstverständigung durch die im Kern notwendige öffentliche Auseinandersetzung um „Stasiverstrickung“ und „Kumpanei“ zwischen Kirchen und SED-Staat. Im binnenkirchlichen Raum wirkte der Streit um die „Schuld“ der Kirchen in der DDR quer zur Ost-West-Linie sowohl spaltend als auch solidarisierend.  Aber auch jenseits und nach der „Stasidebatte“ gestaltet sich das kirchliche „Zusammenwachsen“ nicht einfach. Die gemeinsame, in Jahrhunderten ausgeformte konfessionelle Kultur hatte sich in den unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Kontexten zum Teil in verschiedener Weise weiterentwickelt. Erst nach 1990 ließ sich das Ausmaß der Unterschiede der kirchlichen Situation, des Selbstverständnisses sowie der politischen Ethik erkennen. Insbesondere hinsichtlich des Staat-Kirche-Verhältnisses und des Gesellschaftsbildes gab es gravierende Unterschiede. Das trotzdem noch Gemeinsame etwa in agendarischen Formen und Gottesdienstpraxis, kirchlicher Kunst, Musik und Architektur geriet dabei manchmal teils ungewollt, teils in der Auseinandersetzung um ekklesiologische Modelle (deprivilegierte Minderheitenkirche versus Volkskirche) vielleicht auch gewollt etwas aus dem Blick. Das „Zusammenwachsen“ bedurfte jedoch beider Perspektiven: des Blickes für das Gemeinsame wie für das noch Trennende.

25 Jahre nach der Vereinigung ist der innere Einigungsprozess - auch angesichts neuer gemeinsamer Herausforderungen - bereits weit vorangekommen.
[Vgl. Claudia Lepp:
Kritik am Tempo. Die deutsch-deutsche Vereinigung der evangelischen Kirche. In: Zeitzeichen 17, 2016, S. 24-26.]
 


>> 19. Oktober 2020: 75 Jahre Stuttgarter Schulderklärung



Quelle: Evangelisches Zentralarchiv in Berlin, Bestand 2 Nr. 1790

Der Anstoß zu diesem frühen Bekenntnis kirchlicher Mitverantwortung für die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes kam von der Ökumenischen Bewegung. Es sollte die Voraussetzung für die Wiederaufnahme der Gemeinschaft mit den deutschen Kirchen sein, die bald auch in Form massiver ideeller und materieller Hilfe erfolgte. Die vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland am 19. Oktober 1945 in Stuttgart vor Ökumenevertretern abgegebene Erklärung war als Bitte an die Christenheit um Vergebung vor Gott und um Wiederherstellung zerstörter Gemeinschaft abgefasst. In dem maßgeblich von Hans Asmussen und Otto Dibelius formulierten Text bekannte sich die Kirche zur „Solidarität der Schuld“ mit dem deutschen Volk: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“ Bezüglich der Form der Schuld war der Text aber wenig konkret. In traditioneller  Frömmigkeitssprache hieß es: „wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Die Wurzel der Schuld sah der Rat demnach in der Schwäche des Glaubens der Kirche und des einzelnen Christen. Um Schuld nicht mit Gegenschuld aufzurechnen, schwieg die Erklärung zu den Vertreibungsverbrechen an Deutschen. Gemeinsam mit der Ökumene wollte man „dem Geist der Gewalt und der Vergeltung“ wehren, damit „der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme.“

Kaum veröffentlicht wurde über die Erklärung heftig gestritten. Die Auseinandersetzung drehte sich vor allem um die angebliche Anerkennung einer deutschen „Kollektivschuld“ sowie um das Eingeständnis von Schuld allein durch die Deutschen und nicht auch durch die Siegermächte. In den Diskussionen wurde deutlich, dass die in Stuttgart formulierten Einsichten, sofern sie in der Not der Nachkriegszeit überhaupt wahrgenommen wurden, nicht im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit verankert waren. Die Ablehnung überwog. Auch Kirchenleitungen und einzelne Unterzeichner rückten von ihr ab. Heute aber gilt die Stuttgarter Schulderklärung als bedeutendstes Dokument des Nachkriegsprotestantismus.

Literaturtipps:

G. Besier/G. Sauter, Wie Christen ihre Schuld bekennen. Die Stuttgarter Schulderklärung 1945, 1985.

Die Schuld der Kirche. Dokumente und Reflexionen zur Stuttgarter Schulderklärung vom 18./19. Oktober 1945, hg. von M. Greschat, 1982.

Im Zeichen der Schuld. 40 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis. Eine Dokumentation, hg. von M. Greschat, 1985.


Interview mit Siegfried Hermle im SWR 2

Interview mit Claudia Lepp im BR 2
Interview mit Harry Oelke in ekd news

 


>> 3. Oktober 2020: 30 Jahre Wiedervereinigung