Themenschwerpunkt

1968 und die Kirche


Zeitgenössische Quellen

  • Im Juni 1967 zeigte der Münchener evangelische Studentenpfarrer Johannes Seiss viel Verständnis für die politisch-engagierten Studierenden.
  • Dass die Ereignisse des Jahres 1968 in der zeitgenössischen Wahrnehmung auch Auswirkungen auf die Kirchen zeitigten, macht eine einleitende Bemerkung von Oberkirchenrat Gottfried Niemeier im Kirchlichen Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland des Jahres 1968 - erschienen 1970 - deutlich: "Die Welt, in der wir leben, befindet sich in einem Prozeß stürmischer, weitreichender und tiefgreifender Wandlungen. [...] Kritische Anfragen rütteln an den Fundamenten, die unser Leben bisher getragen haben. Die Kirche in allen ihren Lebens- und Erscheinungsformen ist davon nicht ausgenommen. Nachdem sie lange im Windschutz einer christlichen Umwelt gelebt hat, [...] sieht sie sich nun dem Sturm mannigfacher und massiver Kritik von außen und von innen ausgesetzt, die nichts ausspart und sich gleicherweise gegen die Kirche überhaupt und gegen ihre Gestalt, Ordnungen und Einrichtungen richtete. Das Schiff der Kirche befindet sich keinesfalls und keineswegs mehr auf ruhiger, sicherer Fahrt, sondern ist Stürmen und Fluten ausgesetzt, die sie auf harte Zerreißproben stellen. [...] So steht die evangelische Kirche in Deutschland in einer Krisensituation vor neuen schweren Aufgaben. Deshalb kann die Chronik des Jahres 1968 kein stolzer Erfolgs- sondern nur ein nüchterner Lagebericht sein und weniger von Ergebnissen als von Bemühungen, mehr von Schwierigkeiten als von Leistungen, weniger von Erfolgen als von Anfechtungen berichten."  Das Jahr 1968 wurde hier als explosiver Ausbruch eines in seinem Ergebnis noch nicht absehbaren Wandlungsprozesses gedeutet, der die kirchlichen Zeitgenossen stark verunsicherte. 
  • Die Intention des Textes war es, für die Gründung von "kritischen Gemeinden" einen an Luthers Vorbild orientierten "Kleinen Katechismus" zu entwerfen. Der Initiator und spiritus rector der Studentengruppe war der Theologiestudent Karl-Werner Bühler.
     

Zeitgenossen erinnern sich

Im Jubiläumsjahr 2008 hatten die Herausgeber der "Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte" Angehörige verschiedener Generationen aus West- und Ostdeutschland nach "68" - dem Ereignis und dem Mythos - gefragt. Sie sollten uns ihre erinnernde Wahrnehmung von den kurzfristigen Wirkungen und langfristigen Folgen der Ereignisse und Ideen des Jahres 1968 für den Protestantismus in der Bundesrepublik und in der DDR schildern. Welche Bedeutung hatten die Studentenrevolte im Westen und der Prager Frühling im Osten für Christen damals und heute? Die Beiträge konnten als persönliche Erinnerungen an Einzelereignisse, Beobachtungen zu Folgewirkungen oder Kommentare zu einem eigenen zeitgenössischen Text gestaltet werden. So entstanden Texte, in denen die Zeitzeugen ein facettenreiches Bild der damaligen Situation und Atmosphäre mitsamt ihrer Motivlagen und Repräsentationen zeichnen. Die Angehörigen der jüngeren Generation wiederum reflektieren über die Nachwirkungen von "68". Beide Textgattungen zeigen, dass diese Veränderungen nicht auf das Jahr "68" reduziert werden können.  

Trutz Rendtorff: 1968 in der Provinz

Karsten D. Voigt: Evangelische Jugend als Vorreiter und eigenständiger Teil der '68er

Klaus-Peter Hertzsch: 1968 aus meiner heutigen Sicht

Markus Meckel: Kirche und '68. Erinnerungen und Reflexionen
 


Literaturhinweise

Ist "1968" ein Thema der religions- und kirchengeschichtlichen Forschung, so ließ sich anlässlich des "Dienstjubiläum einer Revolte" im Jahr 2008 noch fragen. In der Zwischenzeit liegen einige religions- und kirchengeschichtliche Forschungen zu dem Themenfeld vor. In Sammelbänden und Monografien beschäftigen sich Theologen und Historiker mit den "Aufbrüchen" und "Umbrüchen" im westdeutschen Protestantismus der 1960er und 70er Jahre und ordnen die Revolte von "68" in diese Entwicklungen ein. 

Bücher (seit 2008)
Auswahlbibliographie (vor 2008)
Literatur online

 

Hinweise auf Tagungen

"1968" - gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande

Die '68er' in der katholischen Kirche. Was bewirkten sie? Was bleibt von ihnen?

Eine geteilte Generation - Die Studentenrevolte und die alternativen 68er

»Für Träume streiten?« 1968 und seine Wirkungen

Liebe und tu, was Du willst? Die »Pillenenzyklika« Humanae vitae von 1968 und ihre Folgen. Tagung am 5. und 6. September 2018

 

Presse- und Rundfunkberichte

Als das Kaffeetrinken plötzlich politisch wurde. Von Thomas Ludwig 

Als die Kirche politisch wurde. evangelisch.de


Websites

Wie der Protest der 68er die Protestanten bewegte

 

Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte
Titel-2018

Ausgabe 12/2018  (Auslieferung Ende Juni 2018)

Darin: 
Protestantische Auseinandersetzungen mit dem sozialistischen Menschenbild in der DDR
Veronika Albrecht-Birkner 
Die Anti-Baby-Pille und die Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren
Gisa Bauer 
"Anfänge neuen Lebens" - Gottesdienste der Anti-AKW-Bewegung
Luise Schramm 
Predigen im KZ - Evangelische Lagerpredigten und ihr Widerstandspotential
Rebecca Scherf 
Die Abkehr vom Konkordat - neue kirchenpolitische Weichenstellungen nach der Eingliederung Österreichs 1938
Gertraud Grünzinger

Inhalt der Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte 2007 bis 2018


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-07-27