Erinnerung

>> 20. Juli 2020: Vor 76 Jahren wurde das Attentat auf Hitler gewagt
 

Christlicher Glaube und Widerstand
Der christliche Glaube konnte sowohl die Neigung erhöhen, sich im Widerstand zu engagieren, er konnte aber auch dazu dienen, Widerstandspotenziale zu brechen. Die Rede von der Obrigkeit als Ordnung Gottes und die Gehorsamsforderung (Röm 13,1) sind ebenso Beispiele wie die lange Auseinandersetzung in den Widerstandskreisen, ob der Tyrannenmord im Fall Hitlers ethisch legitim sein könnte. Diese Ambivalenzen spiegeln sich in vielen Biografien, auch da, wo der Glaube zunächst Einzelne zu Parteigängern der NSDAP machte, die sich dann aber vom Nationalsozialismus abwandten und zu Gegnern wurden.

Zeitgenössische Reaktionen auf das #Attentat am 20. Juli 1944
In einem Brief an seine Verlobte drückte der Theologe Helmut #Gollwitzer seine Sorge um verschiedene Bekannte im Umkreis der Attentäter aus. Den Ausgang des Attentats brachte er mit Daniel 8,25 in Zusammenhang, wo es hieß: "Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er [ein frecher und tückischer König] wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten allen Fürsten; aber er wird ohne Hand zerbrochen werden."
Gollwitzer war demnach davon überzeugt, dass Hitler nicht von Menschenhand gerichtet werden würde.

Quellennachweis: Evangelisches Zentralarchiv in Berlin, Bestand 686 Nr. 518

Was ist kirchengeschichtliche Gedächtnisforschung? Reflexionen zum 20. Juli
Vor 76 Jahren scheiterte das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli. Historische Forschung darf sich von solchen Gedenktagen durchaus inspirieren lassen. Doch ist es auch ihre Aufgabe, Erinnerungskultur zu historisieren. Dies leistet der Kirchenhistoriker Tim Lorentzen in seinem Beitrag in den "Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte" am Beispiel der evangelischen Erinnerung an das Attentat vom 20. Juli 1944. Zugleich reflektiert er über die kirchengeschichtliche Gedächtnisforschung als theologische Aufgabe.
 

Auszug aus der Predigt von Johannes Schröder zum 20. Juli 1944
Bereits am 28. Juli 1944 erwähnte der Kriegspfarrer Johannes Schröder im Sendeprogramm des "Freien Deutschlands" in einem Beitrag zu „Deutschlands Frauen im Kampf für den Frieden“ das Attentat vom 20. Juli 1944 und verwies darauf, dass sich infolge des Attentats das NS-Regime auch gegen das eigene Volk wende. In einer Predigt für den 20. August bezeichnete er die Anführer des 20. Julis als "ernste, ihrer Verantwortung bewusste Christen". Sie hätten das "Signal zur Erhebung" gegeben. Daraus folgerte Schröder den Appell: "Die nächste Zukunft wird jeden Deutschen, jeden Christen im deutschen Land zu gleicher Entscheidung, zu gleichem Mut, zu gleichem Kampf fordern." 


 

Christliche Totenehrung des 20. Juli 1944
Das frühe Widerstandsgedenken war oft als christliche Totenehrung gestaltet. Bei dem hier wiedergegebenen Blatt handelt es sich um einen 1947 versandten Rundbrief des „Hilfswerks 20. Juli 1944“, eines Opferverbands, der sich v. a. zur Fürsorge an Angehörigen und Hinterbliebenen des politischen Widerstands gebildet hatte. Die Liste der Männer und Frauen, die nach dem gescheiterten Umsturzversuch getötet worden waren, ist als Ehrentafel gestaltet und in einen ausgesprochen christlichen Deutungsrahmen eingebettet. Gleichwohl sind unter den rund 150 Namen nur drei Geistliche: die Protestanten Dietrich Bonhoeffer und Friedrich Justus Perels sowie der katholische Jesuitenpater Alfred Delp. Der Rundbrief dokumentiert also, daß man außerhalb der Kirchen das Opfer der Widerstandskämpfer durchaus in christlichen Kategorien würdigen wollte. Nicht alle Angehörigen des Widerstands waren mit dieser Form der Totenehrung einverstanden. So schrieb am 3. Juni 1947 Eberhard Bethge an den Initiator der Liste,Carl-Hans Graf von Hardenberg: "Zur Form der ersten Seite hätte ich persönlich gewünscht, den Begrifff ,Heldentod‘ noch nicht zu verwenden, da er noch zu frisch belastet ist. Im Verein mit dem Satz: ,Für der deutschen Waffen Reinheit und Ehre‘ klingt mir die Formulierung zu absichtsvoll; ich glaube immer, daß die einfachsten Worte die angemessenste und größte Ehrung unserer Toten sind. Die mir nahestehenden Männer unter den in der Aufstellung genannten waren zunächst Vertreter des deutschen Bürgertums und suchten seine Schuld zu sühnen und zu wenden. Menschlichkeit und Weltbürgertum lagen ihnen wahrscheinlich näher als die Reinheit und Ehre der deutschen Waffen." 
 

(Berlin SB PK, Nachl. 299, Materialsammlung 20. Juli 1944).

 

>> 29.-31. Mai 2020: Vor 86 Jahren berieten die Synodalen in Barmen

Auf der ersten Reichsbekenntnissynode kamen die beiden Teile der sich formierenden Bekennenden Kirche zusammen: der lutherische Flügel, der vor allem durch die Bischöfe der sogenannten „intakten“ Landeskirchen von Bayern, Hannover und Württemberg repräsentiert wurde, und der unierte und reformierte Flügel, der insbesondere von dem oppositionellen Bruderrat der preußischen Landeskirche geprägt wurde, die ein deutschchristliches Kirchenregiment hatte und deshalb als „zerstört“ galt. Die 139 Synodalen aus allen Teilen Deutschlands – darunter nur eine Frau, Stephanie von Mackensen – verabschiedeten u. a. eine theologische Erklärung.

Die Barmer Theologische Erklärung vom Mai 1934 gilt als die „Magna Charta“ der Bekennenden Kirche. Sie besteht im Kern aus sechs Thesen – mit jeweils vorangestellten Bibelworten und anschließenden Verwerfungen. Ihr Hauptverfasser war der reformierte Bonner Theologieprofessor Karl Barth. Mit dem amtsenthobenen Altonaer Pfarrer Hans Asmussen und dem stellvertretenden bayerischen Landesbischof Thomas Breit waren aber von Anfang an auch zwei Lutheraner an der Entstehung der Erklärung beteiligt. Auf der ersten Reichsbekenntnissynode in Barmen wurde der Text zunächst in einem reformierten und in einem lutherischen Konvent geprüft und schließlich im Zusammenhang mit dem interpretierenden Referat Asmussens einstimmig angenommen. Lediglich der lutherische Erlanger Theologieprofessor Hermann Sasse sah sich aus formalen – nicht inhaltlichen – Gründen nicht in der Lage zuzustimmen, reiste aber gemäß alter kirchlicher Tradition vorzeitig ab, um die Einmütigkeit des Synodenbeschlusses nicht zu gefährden.

Die zentrale erste These der Erklärung betont im Gegensatz zur Lehre der Deutschen Christen die Exklusivität der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird. Jegliche natürliche Theologie, d. h. die Vorstellung einer Offenbarung Gottes in der Natur, in der Geschichte oder in menschlichen „Ordnungen“ (wie Rasse, Staat, Familie etc.), wird als falsche Lehre ausdrücklich verworfen.In der zweiten These spiegelt sich Barths Lehre von der sowohl die kirchliche als auch die bürgerliche Gemeinschaft umfassenden „Königsherrschaft Christi“ (Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären ...). Sie steht in einer gewissen Spannung zu der auf der Synode neuformulierten fünften These, die im Grunde der lutherischen „Zwei-Regimenten-Lehre“ entspricht (Eigenrecht des Staates, der allerdings Gott gegenüber verantwortlich ist). Die Thesen 3 und 6 warnen die Kirche vor einer Anbiederung an den jeweiligen Zeitgeist bzw. davor, ihrem Auftrag, an Christi Statt ... durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk, nicht untreu zu werden. In These 4 wird als Reaktion auf die diktatorischen Bestrebungen des deutschchristlichen Reichsbischofs eine hierarchische Ordnung der Kirche abgelehnt: Kirchliche Amtsträger üben nichts weiter aus als einen eigentlich der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienst.

Abgesehen von durchaus konkreter kirchenpolitischer Abwehr angesichts der Gleichschaltungsbestrebungen der Deutschen Christen enthielt die Barmer Erklärung ihrem Selbstverständnis nach kein politisches Programm. Widerstand oder Eintreten für die Opfer des Nationalsozialismus lagen nicht im Denkhorizont der ganz überwiegend nationalkonservativ eingestellten Synodalen (Martin Greschat). Die zweifellos vorhandene politische Bedeutung der Erklärung bestand paradoxerweise vor allem in der grundsätzlich ideologiekritischen Rückbesinnung auf die Theologie im engeren Sinne – darin, dass man sich, wie Klaus Scholder es formulierte, die damals übermächtige politische Fragestellung gerade nicht aufnötigen ließ. Immerhin gelang es der Bekennenden Kirche – anders als anderen gesellschaftlichen Großgruppen – sich der Gleichschaltung nachhaltig zu widersetzen.

Der Hauptverfasser der Erklärung war der reformierte Bonner Theologieprofessor Karl Barth. Dass dieser sie praktisch allein verfasste, während die anderen beiden Mitglieder der Arbeitsgruppe, die Lutheraner Hans Asmussen und Thomas Breit, ihren Mittagsschlaf hielten, gehört aber ins Reich der Legenden. Karl Barth hatte dies im Gespräch mit Tübinger Stiftlern 1964 behauptet: Tonquelle