Laufende Forschungsprojekte

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Die Protokolle des Reichsbruderrates der Deutschen Evangelischen Kirche (1934–1937) und des Bruderrates der Evangelischen Kirche in Deutschland (1945–1952)

Eine kritische Edition

Der Reichsbruderrat der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) entstand 1934 als eines der leitenden Organe der kirchenpolitisch-theologischen Opposition gegen die deutsch-christlichen Kirchenleitungen in fast allen Landeskirchen. Der Begriff Bruderrat war bereits zuvor in den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der Zeit aufgetaucht. So wurde der Pfarrernotbund von einem „Bruderrat“ geleitet. Auch die in einigen Landeskirchen im Widerspruch zur deutsch-christlichen Häresie gebildeten sog. Freien Synoden wurden von Bruderräten geleitet.
Der Begriff selbst nahm in gewisser Weise das ekklesiologische Konzept der Barmer Theologischen Erklärung von Ende Mai 1934 vorweg. Hier wurde Kirche als eine „Gemeinde von Brüdern“ bestimmt, deren Ordnung nicht „dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen“ werden dürfe. Abgelehnt wurde damit sowohl die Übernahme des nationalsozialistischen Führerprinzips durch die Kirche als auch die bisherige, stark am Prinzip einer staatlichen Verwaltung orientierte Form von Kirchenleitung.
Der theologisch stets heterogen gebliebene und in seiner Haltung zum NS-Regime ambivalente Bruderrat der DEK entwickelte sich im Frühjahr 1934 aus einem Arbeitsausschuss von Vertretern der meisten Landeskirchen. Er sollte auf bayerische Initiative hin alle „bekenntnistreuen Kräfte“ zusammenfassen und die erste Bekenntnissynode der DEK in Barmen vorbereiten. Diese Synode bestellte ihn als Bruderrat der DEK und bevollmächtigte ihn, die „ihr gestellten Aufgaben durchzuführen und überhaupt für sie mit der Maßgabe zu handeln, daß in allen wichtigen Fragen die Entscheidung der Bekenntnissynode selbst eingeholt werden“ müsse.
Der Bruderrat bestand aus zunächst 12, dann 22 (Herbst 1934) bzw. 29 (1935), zuletzt 31 Mitgliedern und wurde von beratenden Ausschüssen unterstützt. Geleitet wurde er von Karl Koch aus Bad Oeynhausen, westfälischer Superintendent und Präses der westfälischen Provinzialsynode. Der Bruderrat sollte die Deutsche Evangelische Kirche als einen Bund bekenntnisbestimmter Kirchen leiten und vertreten. Im November 1934 kam der Bruderrat mit den Landeskirchen von Bayern, Hannover und Württemberg überein, eine „Vorläufige Kirchenleitung“ der Deutschen Evangelischen Kirche zu bilden. Wegen seines kompromisslosen kirchenpolitischen Kurses geriet der Bruderrat wiederholt in Widerspruch zu anderen bekenntniskirchlichen Gremien (z. B. Frage der Kirchenausschüsse 1936), er war aber auch an der Abfassung der für Hitler bestimmten ideologie- und regimekritischen Denkschrift der 2. Vorläufigen Kirchenleitung vom Mai 1936 verantwortlich beteiligt.
Als Organ der Bekennenden Kirche stand der Reichsbruderrat unter ständigem polizeilichem Druck. Im Juni 1937 wurden die acht Mitglieder, die aus der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union stammten, aus einer Sitzung heraus verhaftet. Der Rückzug von Mitgliedern, die dem Lutherrat angehörten, brachte die Arbeit des Reichsbruderrats dann zum Erliegen.
Nach Kriegsende trat der „Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland“ Kreis erstmals im August 1945 unter dem Vorsitz von Martin Niemöller zusammen. Dieses Gremium begleitete die theologische und kirchliche Entwicklung der jungen Evangelischen Kirche in Deutschland kritisch – man legte u. a. einen eigenen Entwurf für deren Grundordnung vor. Nach der Verabschiedung der Grundordnung der EKD Ende 1948 verzichtete man auf kirchenleitende Ansprüche, nahm aber zu in Kirche und Gesellschaft relevanten Fragen wie der deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert (Darmstädter Wort, 1947), der „Judenfrage“, der Flüchtlingsnot“ oder der Wiederaufrüstung West-Deutschlands prononciert Stellung. Diese letzte Stellungnahme trug mit zum Ende des Bruderrates in den 1950er Jahren bei, da politisch anders ausgerichtete Landeskirchenleitungen ihn nicht mehr länger mitfinanzieren wollten.
Trotz der skizzierten großen Bedeutung im innerprotestantischen Kirchenkampf, in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Religionspolitik und in den Debatten um das Verständnis von Kirche sowie der gesellschaftlicher Rolle in den frühen Nachkriegsjahren ist die Arbeit des Reichs(-Bruderrates) bislang weder von der eher auf die Kirchenleitungen fixierten „klassischen“ Kirchenkampf-Forschung noch in jüngeren Studien beachtet worden. Außer wenigen knappen Lexikonartikeln liegen keine Untersuchungen zu diesen Gremien vor, obwohl der Reichsbruderrat in der von ad-hoc-Gremiengründungen geprägten Zeit der innerkirchlichen Streitigkeiten und trotz der staatlichen Repression eine bemerkenswert lange Lebenszeit hatte und zudem organisatorisch und personell den politischen Systemwechsel 1945 überdauerte.
Mit der geplanten kritischen Edition der Sitzungsprotokolle aus den Jahren 1934 bis 1937 und 1945 bis 1955 soll es möglich werden, die Entscheidungsfindungsprozesse eines kirchenleitenden Gremiums zunächst unter den Bedingungen einer – zunächst hoffnungsvoll begrüßten, dann partiell akzeptierten – Diktatur und angesichts inner(bekenntnis)kirchlicher Richtungskämpfe nachzuvollziehen. Weiterhin können die Positionen einzelner prominenter Protagonisten, die in der Mehrzahl auch nach 1945 eine führende kirchliche Position einnahmen (u. a. Hans Asmussen, Joachim Beckmann, Karl Dürr, Hugo Hahn, Heinz Kloppenburg, Friedrich Müller[-Dahlem], Martin Niemöller, Julius Sammetreuther, Hans Freiherr von Soden) nachgezeichnet werden.
Im zweiten Teil für die Zeit seit 1945 kann dann erstmals die Arbeit eines sog. „linksprotestantischen“ Kreises auf einer gesicherten Quellenbasis beleuchtet werden. In dieser Gruppe wurde gegen vermeintliche und tatsächliche restaurative Tendenzen in der Kirche sowie in der bundesrepublikanischen Politik und Gesellschaft mit der (Selbst-)Legitimation des früheren Widerspruchs gegen die NS-Kirchenpolitik und einem stark anti-westlichen Ressentiment gekämpft und zugleich ein neues ekklesiologisches Konzept vertreten.
Bearbeiter: Dr. Karl-Heinz Fix

Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte

Die Zeitschrift beschäftigt sich mit der Entwicklung des deutschen und internationalen Protestantismus im 20. Jahrhundert und somit mit der Genese der Gegenwart und ihren Herausforderungen. Sie enthält Aufsätze, Bibliographien, Forumsbeiträge, Projekt- und Tagungsberichte sowie Nachrichten über zeitgeschichtliche Aktivitäten in den Landeskirchen und andernorts.

Inhalt Heft 15/2021

Aufsätze
„Das bedeutet für uns Umwälzung und Katastrophe“. Die Evangelische Kirche und die Einführung des „Judensterns“ im September 1941
Siegfried Hermle

Das österreichisch-protestantische Opfernarrativ und seine Wandlungen im Laufe des 20. Jahrhunderts. Eine Studie zu evangelischer Erinnerungskultur und Geschichtspolitik am Beispiel des oberösterreichischen Bauernkriegs von 1626
Leonhard Jungwirth

1961: Die Kirchen zum Eichmann-Prozess
Thomas Brechenmacher 

Evangelische Seelsorgerinnen und Fürsorgerinnen im Strafvollzug der SBZ und der frühen DDR (1945-1955)
Stefanie Siedek-Strunk

Die Ehe ist ein ethisch‘ Ding? - Die Evangelische Kirche in den Aushandlungsprozessen um die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland
Sabine Exner-Krikorian


Dokumentation
Christliche Sinnstiftung im Vernichtungskrieg. Wie deutsche Kriegspfarrer 1941 den Angriff auf die Sowjetunion erlebten und deuteten
Dagmar Pöpping


Literaturbericht
Quellensammlungen zur Geschichte der Landeskirchen in der NS-Zeit (mit besonderer Berücksichtigung Bayerns)
Karl-Heinz Fix

Forchungsberichte
Evangelische Frauenordination im geteilten Deutschland
Carlotta Israel

Theologische Existenz zwischen den Fronten. Gerhard Gloege in den politischen und kirchenpolitischen Konflikten seiner Zeit (1946—1961)
Maximilian Rosin

Kirchliche Publizistik in der DDR. Die Kirchenzeitung „Glaube und Heimat“ 1946—1989
Karl-Christoph Goldammer

Zwischen „Datengott“ und „Datenaskese“. Bundesdeutscher Protestantismus und elektronische Datenverarbeitung (EDV)
Johann Meyer

Katholischsein in der Bundesrepublik Deutschland. Semantiken, Praktiken, Emotionen in der westdeutschen Gesellschaft 1965-1989/90
Andreas Holzem / Frank Kleinehagenbrock

Nachrichten
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Nachrichten aus Kirchengeschichtlichen Vereinigungen


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Publikationsdatum dieser Seite: Freitag, 18. Juni 2021 09:11